Russlands Verbot des Nurejew-Balletts zeigt kulturelle Repression in neuem Licht
Leon SchulzRusslands Verbot des Nurejew-Balletts zeigt kulturelle Repression in neuem Licht
Ein bahnbrechendes Ballett über Rudolf Nurejew, das 2017 in Moskau uraufgeführt wurde, ist in Russland nun verboten. Die Produktion des Choreografen Juri Possochow und des Regisseurs Kirill Serebrennikow erzählt vom turbulenten Leben des legendären Tänzers – von seiner Ausbildung in Leningrad bis zu seiner Flucht in den Westen. Die russischen Behörden strichen das Stück 2023 vom Spielplan des Bolschoi-Theaters, gestützt auf Gesetze gegen die "Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen".
Das Ballett Nurejew feierte 2017 am Moskauer Bolschoi-Theater Premiere – sechs Jahre nach seiner Uraufführung in Berlin. Es schildert den Werdegang des Tänzers, beginnend mit seinem Studium bei Alexander Puschkin an der Waganowa-Ballettakademie in Leningrad. Die Handlung folgt seinem spektakulären Überlauf nach Frankreich, seiner zerrissenen Liebe zu Russland und seinem Widerstand gegen das politische System des Landes.
Die opulente Bühnenausstattung spiegelt Nurejews extravagantes Leben wider: Sie zeigt männliche Akte alter Meister, Thonet-Stühle, Sofas von Maria Callas und sogar Nachbildungen seiner italienischen Insel. Prunkvolle, mit Goldfäden bestickte Kostüme und große Ensembleszenen unterstreichen die visuelle Wirkung, auch wenn Kritiker bemängeln, dass der zweite Akt nicht an die emotionale Wucht des ersten anknüpft.
Hinter den Kulissen hatten auch die Schöpfer mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Regisseur Kirill Serebrennikow verpasste die russische Premiere 2017 und wurde später wegen Untreue verurteilt, bevor er nach Berlin übersiedelte. Der in der ukrainischen Stadt Luhansk geborene Choreograf Juri Possochow, heute US-Bürger, arbeitet trotz des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine weiterhin mit dem Bolschoi-Theater zusammen.
Zwischen 2017 und 2023 verschärfte Russland unter Präsident Wladimir Putin die Repressionen gegen "LGBTQ-Propaganda". Die Gesetze führten 2023 zum Verbot des Balletts, da es Homosexualität und Cross-Dressing darstelle. Verlage und Buchhandlungen zogen zudem klassische Literatur aus dem Sortiment zurück, um rechtliche Konsequenzen zu vermeiden – eine weitere Einschränkung der künstlerischen Freiheit.
Nurejew selbst wurde 1938 als Sohn baschkirisch-tatarischer Eltern während einer Transsibirischen Eisenbahnfahrt in der Nähe des Baikalsees geboren. 1993 starb er in Paris an den Folgen von AIDS. Zwei Jahre nach seinem Tod wurde 1995 sein Nachlass, darunter persönliche Schätze, versteigert.
Das Verbot von Nurejew steht exemplarisch für die wachsenden Beschränkungen der künstlerischen Freiheit in Russland. Die Streichung aus dem Programm des Bolschoi-Theaters ist das Ergebnis jahrelanger Verschärfung der Gesetze gegen "nicht-traditionelle Werte". Während die Produktion im Ausland gefeiert wird, markiert ihr Fehlen in Russland einen Verlust für das Publikum – und ein deutliches Zeichen für die kulturelle Politik des Landes.






