New York feiert Rauschenbergs revolutionäres Erbe mit spektakulären Ausstellungen
Jonas SchulteNew York feiert Rauschenbergs revolutionäres Erbe mit spektakulären Ausstellungen
New York feiert den 100. Geburtstag von Robert Rauschenberg mit einer Welle von Ausstellungen und Aufführungen. Die Ehrungen gelten einem Künstler, der die moderne Kreativität prägte, indem er Alltagsgegenstände, weggeworfene Materialien und kühne Experimente verschmolz. Zwei große Schauen – eine im Guggenheim-Museum, die andere im Museum of the City of New York – würdigen sein bahnbrechendes Werk und die avantgardistische Vergangenheit der Stadt.
Das Jubiläum weckt auch Nostalgie nach den 1960er- und 70er-Jahren, als Rauschenberg gemeinsam mit Persönlichkeiten wie Merce Cunningham, John Cage und Trisha Brown verlassene Lagerhallen am Wasser zu Zentren radikaler Kunst umfunktionierte.
Im Guggenheim bildet Barge, ein monumentales Collage aus dem Jahr 1963, den Höhepunkt der Ausstellung. Das Werk, das sich keiner sofortigen Gesamtschau erschließt, schichtet gefundene Bilder, Schablonentexte und Fragmente berühmter Kunstwerke zu einem chaotischen Spiegel New Yorks selbst. Kuratoren beschreiben es als ein Werk, das die Energie der Stadt einfängt – unordentlich, unberechenbar und lebendig.
Rauschenbergs Hang, das Übersehene zu sammeln, zeigt sich auch im Museum of the City of New York. Seine Fotografien aus jener Zeit rahmen zerknautschtes Papier, Straßenabfall und flüchtige Momente als potenzielle Kunst ein. Es waren keine bloßen Schnappschüsse, sondern Rohmaterial für seine größeren Werke – ein Beweis dafür, dass Inspiration überall lauern kann.
Sein kollaborativer Geist prägte weite Teile seines Schaffens. Für die Auftritte von Merce Cunningham gestaltete Rauschenberg täglich die Bühnenbilder neu und bezog dabei Gegenstände ein, die er auf der Straße aufgelesen hatte. Eines dieser Experimente wurde zu seinem ersten Combine – einer Mischform aus Malerei und Skulptur –, das speziell für die Bühne entstand. Dieser Ansatz lebte in Dancing with Bob weiter, einer jüngeren Hommage der Trisha Brown Dance Company. Die Produktion, die erstmals in New York und Hamburg aufgeführt wurde, brachte seine Bühnen- und Kostümentwürfe zurück und verband Beiträge von Cage, Cunningham und Brown. Es ist eine lebendige Ehrung einer Ära, in der Kunst, Tanz und Musik in den Lofts des Downtown aufeinandertrafen.
New Yorks Wasserfront, heute gesäumt von Luxusimmobilien, war einst ein Spielplatz für Künstler wie Rauschenberg. Das Jubiläum wird so zu einem Moment der Besinnung auf diese verlorene Welt – eine Zeit, in der günstige Mieten und leere Räume ständige Neuerfindung ermöglichten. Seine Werke, geschaffen aus den Abfallprodukten der Stadt, wirken noch heute dringlich.
Die Ausstellungen und Aufführungen bestätigen Rauschenbergs Erbe als einen Künstler, der jede Regel brach. Seine Combines, Fotografien und Bühnengestaltungen verwandelten das Alltägliche in das Außergewöhnliche und erweiterten die Grenzen dessen, was Kunst sein kann. Gleichzeitig erinnern die Feierlichkeiten an eine Zeit, in der New Yorks raue Ecken die Kreativität beflügelten – bevor steigende Kosten die Künstler aus genau jenen Vierteln verdrängten, die sie einst verwandelt hatten.






