Warum deutsche Firmen trotz Boom keine Mitarbeiter finden – und was sie falsch machen
Jonas SchulteWarum deutsche Firmen trotz Boom keine Mitarbeiter finden – und was sie falsch machen
Viele deutsche Unternehmen kämpfen mit der Besetzung offener Stellen – trotz wachsender Wirtschaft
Neue Studien deuten darauf hin, dass das Problem oft bei den Unternehmen selbst liegt – insbesondere an ihrer Zurückhaltung, wettbewerbsfähige Löhne zu zahlen. Eine aktuelle Untersuchung von Benjamin Friedrich, Associate Professor an der Kellogg School of Management, zeigt, wie falsch eingeschätzte Gehälter zu anhaltenden Personalengpässen führen.
Kleinere Betriebe sind am stärksten betroffen Im Januar 2026 gaben 88 Prozent der kleinen Unternehmen an, kaum oder gar keine qualifizierten Bewerber für freie Stellen zu finden. Besonders problematisch ist die Situation für schnell wachsende Firmen, bei denen die Nachfrage nach Arbeitskräften ihre Bereitschaft übersteigt, die Bezahlung anzupassen.
Friedrich und sein Team entwickelten ein mathematisches Modell, um zu erklären, warum Unternehmen keine Mitarbeiter gewinnen. Die Ergebnisse verweisen auf ein einfaches, aber hartnäckiges Problem: Die Löhne werden zu niedrig angesetzt und die Korrektur erfolgt zu langsam. Viele Firmen unterschätzen den Wert bestimmter Positionen – sei es wegen unzureichender Marktdaten oder aus Angst vor langfristigen Verpflichtungen durch höhere Gehälter.
Starre Lohnstrukturen verschärfen das Problem Sobald Löhne festgelegt sind, lassen sie sich nur schwer wieder senken. Das macht Arbeitgeber zögerlich, mehr zu bieten – selbst wenn Stellen unbesetzt bleiben. Das Modell sagt zudem voraus, dass Unternehmen Gehaltserhöhungen für weniger zentrale Positionen hinauszögern. Besonders kleine Betriebe tun sich schwer, da sie über weniger Informationen verfügen und länger brauchen, um die Löhne anzupassen als größere Konkurrenten.
Ein weiteres Hindernis ist die interne Lohngerechtigkeit. Viele Unternehmen vermeiden es, höhere Gehälter auszuloben, um Forderungen nach Anpassungen von bestehenden Mitarbeitern zu verhindern. Diese Vorsicht vertieft die Personalprobleme, da potenzielle Bewerber woanders nach besseren Angeboten suchen.
Fehlende Transparenz verschärft die Krise Das bestehende deutsche Entgelttransparenzgesetz stammt aus dem Jahr 2017 und wurde seit 2019 nicht mehr aktualisiert. Zwar erweitert die EU-Lohntransparenzrichtlinie (2023/970) die Offenlegungspflichten – etwa für Unternehmen mit weniger als 200 Beschäftigten –, doch sie ist noch nicht in nationales Recht umgesetzt. Bis Juni 2026 fehlen vielen kleinen und mittleren Betrieben klare Vorgaben.
Die Wirtschaftstheorie bietet eine einfache Lösung: höhere Löhne. Doch Friedrich betont, dass Unternehmen diese scheuen – aus Sorge vor langfristigen Kosten. Stattdessen empfiehlt er Investitionen in Lohndaten-Tools, um die Bezahlung besser an den Markt anzupassen.
Fazit: Ohne Reformen bleibt die Lücke Die Personalnot hält an, weil Unternehmen zu wenig zahlen und Anpassungen verzögern. Ohne bessere Datengrundlagen oder politische Änderungen werden vor allem kleine Betriebe weiter kämpfen. Die kommenden EU-Transparenzregeln könnten helfen – bis dahin müssen Firmen selbst handeln oder riskieren, dass Stellen unbesetzt bleiben.






