Streit um medizinisches Cannabis: Wer darf Rezepte ausstellen – und wie?
Streit um medizinisches Cannabis: Wer darf Rezepte ausstellen – und wie?
Die Debatten über die Regulierung von medizinischem Cannabis in Deutschland haben an Schärfe gewonnen, da Abgeordnete und Branchenexperten über Verschreibungsregeln und den rezeptfreien Verkauf uneins sind. Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Serdar Yüksel, warnte, dass geplante Einschränkungen für Online-Rezepte und den Versandhandel im Parlament auf wenig Unterstützung stoßen.
Seit der Legalisierung von medizinischem Cannabis in Deutschland im Jahr 2017 sind die Verschreibungen stark angestiegen. Wurden 2018 noch über 185.000 Rezepte ausgestellt, stieg die Zahl bis 2021 auf 372.000 und übertrifft 2024 mit mehr als 415.000 Verschreibungen diesen Wert. Allein in der zweiten Jahreshälfte 2024 gab es nach Inkrafttreten des MedCanG-Gesetzes einen Anstieg um 9 Prozent.
Yüksel betonte, dass sich die Verschreibungsregeln an den Gesetzen des Landes orientieren müssten, in dem der behandelnde Arzt zugelassen ist. Er verteidigte die therapeutische Freiheit der Ärzte und argumentierte, dass Schmerzbehandlungen höchst individuell seien und die Vorschriften nicht zu starr ausfallen dürften. Die SPD sicherte zu, dass eine fundierte Arzt-Patienten-Beziehung sowie eine detaillierte Anamnese Voraussetzung für Verschreibungen sein müssten.
Der gesundheitspolitische Experte der CDU, Dr. Thomas Pauls, zeigte sich hingegen zurückhaltend. Er forderte eine klare Trennung zwischen medizinischer Verwendung und Freizeitkonsum von Cannabis und warnte, dass unklare rechtliche Rahmenbedingungen zu Unsicherheiten führen könnten. Pauls räumte ein, dass strengere Regeln zwar Rechtssicherheit für Ärzte schaffen könnten, gleichzeitig aber den Zugang für Patienten erschweren würden.
Dr. Christiane Neubaur, Geschäftsführerin des Verbands der Cannabis abgebenden Apotheken (VCA), schlug vor, bestimmte Cannabisprodukte rezeptfrei in Apotheken zu verkaufen. Pauls reagierte skeptisch und bestand darauf, dass zunächst geklärt werden müsse, wie solche Produkte rechtlich in den Apothekenverkehr gelangen könnten.
In einem Punkt sind sich die Koalitionspartner einig: Die sogenannten "Klick-Verschreibungen", bei denen Patienten innerhalb von 30 Sekunden Medikamente erhalten, sind inakzeptabel. Yüksel stellte klar, dass die Regelungen zur Telemedizin nicht zurückgenommen werden und digitale Rezepte nicht zur Diskussion stünden.
Der aktuelle Gesetzentwurf, der Online-Rezepte und den Versandhandel mit Cannabis beenden soll, stößt auf Widerstand – Yüksel bestätigte, dass ihm die notwendige Mehrheit fehle. Unterdessen wächst der Druck für klarere rechtliche Rahmenbedingungen und einen erleichterten Zugang. Jede Änderung wird die therapeutische Freiheit der Ärzte, die Bedürfnisse der Patienten und die regulatorische Aufsicht in Einklang bringen müssen.
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